Historie

Coach Philipp Willner mit Sohn Ludwig

Coach Philipp Willner mit Sohn Ludwig

Im Juli 1946 wurde auf Initiative der Sportfreunde Philipp Willner, Friedrich Kolletzky und Heinrich Stock im ehemaligen Gasthaus „Zur Wolfschlucht“ eine Boxabteilung ins Leben gerufen. Nach zunächst beachtlichen Erfolgen erlahmten die Aktivitäten der Erbacher Faustkämpfer  und wurden erst 1961 mit der Gründung der „Boxvereinigung Erbach-Michelstadt“ wieder forciert. Philipp Willner als Vorsitzender und Trainer, Heinrich Loudwin als dessen Stellvertreter, Hans Benzig als Kassierer, Heinrich Stock als Schriftführer sowie die Beisitzer Friedrich Kolletzky, Rudolf Fröhlich und Günter Kaiser bildeten damals den Gründungsvorstand dieser Sparte des TSV 1860. Otto Leimgruber fungierte als Zeugwart und Willi Schostak – ehemaliger Heeresmeister im Weltergewicht – als Kampfrichter. Später waren Karl Bereiter und Hans-Jürgen Döhler zweite Vorsitzende, für das Finanzielle zeichnete sich Willi Luther und Eberhard Seifert verantwortlich. Werner Klinger, Rudolf Wolf sowie Rudi Jahreiss waren Beisitzer, während Peter Miksch, Wilhelm Reubold, Willi Heilos und Monika Willner dem Führungsgremium als Schriftführer angehörten.

Auf sportlichem Sektor hat die Boxvereinigung zahlreiche Talente hervor gebracht, ihre Wettkampf-Veranstaltungen waren über die Grenzen Hessens bekannt, und ihre erfolgreichsten Akteure holten zahlreiche Titel in den Odenwald. Mit Michael Müller im Fliegengewicht (1949), Adolf Milden im Mittelgewicht (1960) sowie im Halbschwergewicht (1961) stellte sie sogar hessische Landesmeister. Darüber hinaus avancierten in den siebziger Jahren Carl Geyer (je zweimal im Federgewicht und Bantamgewicht), Werner Axmann (zweimal im Halbschwergewicht), Ludwig Volk (Halbmittelgewicht) sowie Richard Leistner (Junioren-Schwergewicht) zu Vizemeistern des hessischen Amateurboxverbandes. Zudem erkämpfte sich Peter Vierhaus bei den Deutschen Polizeimeisterschaften 1972 den Vizetitel. Bei den südhessischen Vereinen waren die Könner des BV Erbach-Michelstadt als Gastboxer sehr gefragt. Fünf von Ihnen starteten für den „Boxring Main“ in der Oberliga – der damals höchsten Kampfklasse – und heimsten beachtliche Erfolge ein.

Als zu Beginn der achtziger Jahre gleich eine ganze Reihe der aktivsten und routiniertesten Boxer, von denen die meisten über 60 und einige sogar mehr als 100 Kämpfe absolviert hatten, ausschieden, wurde ein totaler Neuaufbau notwendig. Coach Philipp Willner ging unverdrossen an die Arbeit und schon bald erzielten seine Zöglinge bei Ranglistenturnieren beachtliche Erfolge. Regelmäßig nahmen 12 bis 15 Jugendliche am Trainingsbetrieb teil.

Die Boxveranstaltungen im Rahmen des Erbacher Wiesenmarktes bewegten sich auf hohem Niveau, verhalfen dem Volksfest zu einer echten Attraktion und fanden über die Region hinaus große Aufmerksamkeit. Zahlreiche Titelträger präsentierten sich dabei im Sportpark-Ring und warben mit spannenden Duellen für den Boxsport.

Ihren guten Namen verdankte die über Jahrzehnte florierende Boxvereinigung in erster Linie einem Mann, der von 1946 bis zu seinem Tod am 15. August 1997 in Personalunion als ihr Vorsitzender und Trainer fungierte, beide Aufgaben engagiert wahrnahm und als Motor und Seele seiner Sparte galt: Philipp Willner. Nicht zu Unrecht „Vater des Odenwälder Boxsportes“ genannt, galt die besondere Aufmerksamkeit des zunächst selbst noch aktiven und 1944 als Hessenmeister bis in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft vorgedrungenen Faustkämpfers der Ausbildung talentierter Jugendlicher. Der kleine Mann mit den hellwachen Augen, der von all seinen Bekannten nur „Phips“ gerufen wurde, hatte sich das Boxen zum Lebensinhalt gemacht. Nicht zuletzt wegen seiner fast unerschöpflichen Auswahl an freundlichen sowie humorvollen Worten für seine Mitmenschen gehörte er zu den markanten Persönlichkeiten, die eigentlich nicht aus dem Erbacher Stadtleben wegzudenken waren. Für seinen beispielhaften und selbstlosen Einsatz wurden ihm hohe Auszeichnungen wie die Goldene Ehrennadel des Hessischen Amateurboxverbandes, die Goldene Plakette der Kreisstadt Erbach oder der Ehrenbrief des Landes Hessens zuteil und lassen erahnen, was Philipp Willner für den regionalen Boxsport getan hat.

Eine negative Entwicklung, die sich bereits gegen Ende der „Ära Willner“ abgezeichnet hatte, setzte sich um die Jahrhundertwende in verstärktem Maß fort und betraf über die Ragion hinaus den gesamten südhessischen Raum. Das Interesse am Boxsport sank kontinuierlich, und eine vom Interims-Verantwortlichen Hans-Jürgen Döhler noch 2001 für möglich gehaltene „Wiederbelebung des Odenwälder Boxsportes“ blieb zunächst aus. Ein alters- und krankheitsbedingter Verlust älterer Mitglieder ließ die Boxvereinigung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen und ihre Weiterführung konnte nur in Form einer Trainingsgemeinschaft erfolgen. Dass dieses Experiment gelang, ist in erster Linie dem vorbildlichen Einsatz von Nikolai Hamm zu verdanken, der in Viktor Peters einen engagierten Mitstreiter fand.

Kimberly Klingelhöfer im Training mit Viktor Peters

Kimberly Klingelhöfer im Training mit Viktor Peters

Der erfolgreiche Schwergewichtler Nikolai Hamm, der noch unter Philipp Willner zwischen 1990 und 1995 jeweils fünfmal Hessen- und Südwestmeister geworden war, erwarb zusammen mit seinem ebenfalls noch aktiven Sportkameraden Viktor Peters die Trainerlizenz und gemeinsam hielten beide den Trainingsbetrieb aufrecht. Sie hatten bis zu 15 Boxer unter ihren Fittichen und führten sie in die Technik des Faustkampfes ein. Ihre Schützlinge erzielten allerdings keine nennenswerten Erfolge, zumal sie meist nicht lange bei der Stange blieben.

Seit Nikolai Hamm aus beruflichen Gründen kürzer treten musste, ist Viktor Peters alleine für die Trainingsleitung verantwortlich. Das Amateurboxen findet als Fitness-, Selbstverteidigungs- oder Kampfsport mittlerweile wieder größeren Zuspruch und trifft auch beim weiblichen Geschlecht auf Interesse. Zur Männergarde gesellte sich 2008 ein zwölfjähriges Mädchen, so dass sich der Coach mit einer völlig ungewohnten Aufgabe konfrontiert sah. Der sportliche Umgang mit der zierlichen Kimberly Klingelhöfer aus Weiten-Gesäß erwies sich allerdings als unproblematisch. Sie integrierte sich schnell in die Übungsgruppe, verschaffte sich mit boxerischen Engagements Respekt und wurde akzeptiert. Erklärtes Ziel der gleichermaßen ehrgeizigen wie talentierten Gymnasiastin ist es, später einmal groß heraus zu kommen und vielleicht sogar Weltmeisterin zu werden. Zwischenzeitlich hat sie auch eine Trainingspartnerin gefunden und sich bei ihren ersten Kämpfen tapfer geschlagen.

Sportlicher Ehrgeiz und boxerische Qualitäten einiger Jugendlicher bestärken die Verantwortlichen in ihrem Vorhaben, zukünftig wieder für Hessenmeisterschaften oder Turniere zu melden. Nikolai Hamm und Viktor Peters sehen sogar die Möglichkeit, mit einem Anfängerturnier und Seniorenkämpfen zum Wiesenmarkt wieder eine Boxveranstaltung auf die Beine zu stellen.